Volleyball: Elizabeth Campbell

Feuer und Sehnsucht

21.02.2017

Elizabeth Campbell ist im gefährlichsten Land der Welt geboren – in Venezuela, dem Land mit der höchsten Mordrate. Im Alter von drei Jahren hat sie die Grossstadt Valencia verlassen, um fortan in den USA, dem Heimatland ihres Vaters, zu leben. Heute spielt die Volleyballerin erfolgreich bei Viteos Neuchâtel Université Club. Im Europacup will die US-Amerikanerin ihr Können gegen den deutschen Rekordmeister SSC Palmberg Schwerin zeigen.

Strahlendes Lächeln: Elizabeth Campbell, die Neuenburger Topskorerin. (Bild: NUC)

Elizabeth Campbell hat stets ein spezielles Dokument dabei, wenn sie am Flughafen durch den Metalldetektor läuft. Es könnte piepsen. Aufgrund eines Ermüdungsbruches im linken Bein wurden der US-amerikanischen Volleyballerin Schrauben aus Metall zur Stabilisierung eingesetzt. Das geschah vor vier Jahren. Als die 22 Jahre alte Aussenangreiferin des NLA-Vierten Viteos Neuchâtel Université Club (NUC) zum Interview mit Indoor Sports erscheint, klebt ein Tapeverband am Mittelfinger der linken Hand. «Vor einem Monat habe ich im Spiel gegen Franches-Montagnes bei der Blockabwehr eines wuchtig geschlagenen Balls die Fingerkuppe gebrochen», sagt die 1,90 Meter grosse Rechtshänderin. Um anzufügen: «Ich werde weiterhin Bälle blocken. Wer seinen Sport liebt, kennt keine Schmerzen.»


Geballte Angriffspower: Die Neuenburger Aussenangreiferin Elizabeth Campbell düpiert den zypriotischen Block. (Bild: Marc Raeber)

Latino-Feuer ins Team bringen

Silvan Zindel dürfte Campbells Worte gerne hören. Der Trainer von NUC bereitet gerade eines der bedeutendsten Spiele der Vereinsgeschichte vor: Am 23. Februar empfangen die Neuenburgerinnen im Viertelfinal des Challenge Cups Bundesliga-Leader SSC Palmberg Schwerin (siehe Kasten). Und da ist Zindel auf die Schlagkraft der Mobiliar-Topskorerin angewiesen. Der Sarganser streut seiner Schlüsselspielerin Rosen: «Elizabeth Campbell ist eine Persönlichkeit. Sie ist ehrgeizig, aber auch humorvoll. Und sie denkt teamorientiert.» Campbell sagt: «Ich bemühe mich, Feuer, Emotionen und Leidenschaft ins Team zu bringen.» Sie hat sich gegen den deutschen Rekordmeister eine klare Strategie zurechtgelegt: «Wir wollen unseren Fokus gegen Schwerin nur auf den nächsten Punkt lenken. Wenn sich jede Spielerin auf ihre Aufgabe konzentriert, und wenn wir uns gegenseitig inspirieren, haben wir auch gegen ein solches Dream-Team eine Chance. Ich sehe uns auf jeden Fall nicht in der Rolle des Aussenseiters.»

Höchste Mordrate der Welt verhindert Rückkehr

Feuer, Emotionen und Leidenschaft – diese Eigenschaften verdankt Elizabeth Campbell zum grossen Teil ihrer Mutter Carla, eine gebürtige Venezolanerin aus der Millionenstadt Valencia. Im Alter von drei Jahren verliess die Latina ihr Geburtsland, um fortan in den USA, dem Heimatland ihres Vaters John, zu leben. Seither ist sie nie mehr in das von einer Diktatur geprägte Land zurückgekehrt. «Momentan ist es viel zu gefährlich, nach Venezuela zu reisen», sagt die Absolventin des Studiengangs «Bachelor of Science in Psychologie». Was Campbell ergänzt, lässt einen erschaudern: «Venezuela hat die höchste Mordrate der Welt.» Es kann daher nicht erstaunen, dass die sympathische Sportlerin bisher keine Anstalten gemacht hat, den venezolanischen Pass zu beantragen, um dereinst für das Nationalteam ihres Geburtslandes auflaufen zu können. «Mein Herz schlägt sowohl für Venezuela als auch für die USA. Aber es fliesst schon etwas mehr südamerikanisches Blut in meinen Adern», sagt Campbell, die mit ihrer Mutter Spanisch und mit ihrem Vater Englisch spricht.


Perfekte Annahme: Elizabeth Campbell kontrolliert den Ball. (Bild: Marc Raeber)

Von ihren Teamkolleginnen wird Elizabeth Campbell «Z» gerufen, «Siii», wie man den Buchstaben Z im amerikanischen Englisch ausspricht. Diesen Spitznamen verdankt sie ihrer Landsfrau und einstigen Weggefährtin Nicole Edelman, die nun beim NLA-Rivalen Franches-Montagnes als Zuspielerin unter Vertrag steht. «In der Hitze des Gefechts ‹Elizabeth› zu rufen, war zu kompliziert. Und Liz, Lizzy oder Beth gefielen mir nicht», klärt Elizabeth Campbell auf.

Arepa, aber auch Fondue, Raclette und Rösti

Nach ihrem sportlichen Traum gefragt, antwortet Campbell: «Ich lebe gerade meinen Traum – ich spiele bei einem europäischen Profiklub.» In Neuenburg gefällt es ihr ausgezeichnet. «Die Trainer haben gute Strukturen geschaffen, die Verantwortlichen kümmern sich fürsorglich um mich. Wir sind wie eine grosse Familie.» Die Harmonie im Team ist der ehemaligen Universitäts-Spielerin, die auch zwei Monate lang in Puerto Rico gespielt hat, ebenso wichtig wie die sportlichen Ambitionen ihrer Coéquipières. In ihrer Freizeit trifft sich Campbell oft mit Teamkolleginnen zum Kaffeetrinken. An schönen Tagen geht sie am Ufer des Neuenburgersees spazieren; sie hört Musik der Backstreet Boys oder der Sängerin Pink («wenn ich ‹Just Like Fire› höre, bekomme ich Gänsehaut», Zitat Elizabeth Campbell), manchmal schaut sie sich auch Filme an. Ihr Lieblingsfilm: «Pride & Prejudice», diesen Streifen habe sie bestimmt schon 15-Mal gesehen, verrät die junge Frau mit einem Schmunzeln. Will Ferrell bezeichnet sie als ihren Lieblingsschauspieler. «Er bringt mich zum Lachen.»

Am meisten Zeit verbringt sie aber mit Gesprächen mit ihrer Familie – Elizabeth Campbell hat noch zwei Brüder und eine Schwester. Zu ihrer Mutter pflegt sie eine tiefe, innige Beziehung. «Sie fehlt mir sehr», erzählt die Führungsspielerin von NUC. Señora Campbell wird übrigens in zwei Wochen ihre Tochter besuchen, einen Monat lang bei ihr wohnen – und unter anderem das geliebte venezolanische Nationalgericht Arepa zubereiten. Die runden Teigtaschen aus Mais, gefüllt mit lukullischen Köstlichkeiten, vermisst Elizabeth Campbell in ihrer Wahlheimat nebst ihrer Familie am meisten. Sie sagt jedoch: «Fondue, Raclette und Rösti mag ich ebenfalls sehr gerne.»

Nervenkitzel – am Berg und im Europacup

Vielleicht zeigt Elizabeth Campbell ihrer Mutter ja auch die atemberaubende Schweizer Bergwelt. Ihre Augen leuchten, als die US-Amerikanerin aus North Port, Florida beschreibt, wie schön es beim Ausflug auf dem Gipfelrundweg «First Cliff Walk», der neuen Attraktion ob Grindelwald, gewesen sei. Entlang der steilen Felswand führt der Weg über eine 40 Meter lange Hängebrücke, die zu einer Aussichtsplattform führt. Eine Plexiglasscheibe, die einen freien Fall in die Tiefe suggeriert, sorgt für Nervenkitzel. Wobei: Für Nervenkitzel könnte auch der Europacup-Viertelfinal zwischen Viteos Neuchâtel Université Club und SSC Palmberg Schwerin sorgen.

Für NUC ist es der nächste Schritt zum sportlichen Gipfel.

 

Auf den Spuren von Xamax

Die Halle «La Riveraine», Heimstätte von Viteos Neuchâtel Université Club, liegt nur 100 Meter neben dem Stade de la Maladière. Dort schrieben die Fussballer von Xamax Neuenburg zweimal Europacup-Geschichte. Im Uefa-Cup-Viertelfinal fehlte 1982 gegen den grossen Hamburger SV mit Franz Beckenbauer und Horst Hrubesch wenig, um in den Halbfinal einzuziehen. 2:3 hatte Xamax das Hinspiel verloren – Don Givens und Robert Lüthi trafen für die Neuenburger. 22’000 Zuschauer hofften im Rückspiel vergeblich auf die Sensation. Es blieb beim 0:0. Vier Jahre später startete Xamax gegen Real Madrid mit einer 0:3-Hypothek ins Rückspiel. 25’500 Zuschauer verwandelten das Stade de la Maladière in einen Hexenkessel. Uli Stielike brachte das Heimteam bereits in der 10. Minute in Führung; die Weltstars Míchel, Butragueño, Valdano und Hugo Sánchez zitterten, Maurizio Jacobaccis 2:0 in der 90. Minute fiel jedoch zu spät – Xamax schied ehrenvoll aus.

Das ist Geschichte – Mandy Wigger, die älteste Volleyballerin von NUC, hat Jahrgang 1987.

Nun versuchen die Neuenburger Volleyballerinnen in einen Europacup-Halbfinal vorzustossen. In einem der bedeutendsten Spiele der Vereinsgeschichte empfängt NUC im Hinspiel des Challenge-Cup-Viertelfinals am 23. Februar den Bundesliga-Leader SSC Palmberg Schwerin. Im hochkarätig bestückten Team des deutschen Rekordmeisters figurieren mit Anja Brandt, Maren Brinker, Lenka Dürr, Jennifer Geerties, Denise Hanke, Louisa Lippmann und Marie Schölzel gleich sieben deutsche Nationalspielerinnen. Fünf von ihnen sind Vize-Europameisterinnen: Brinker (2011 und 2013), Dürr (2011 und 2013), Brandt (2013), Geerties (2013) und Hanke (2013) gewannen mit Deutschland an den kontinentalen Titelkämpfen in Italien/Serbien respektive Deutschland/Schweiz die Silbermedaille. Maren Brinker wurde 2015 und 2016 als Volleyballerin des Jahres ausgezeichnet. «Für uns wird das eine spannende Erfahrung. Ich hoffe, dass wir einen Exploit schaffen. So wie im November 2015, als wir im Heimspiel gegen Galatasaray Istanbul, das mit den zwei Weltklassespielerinnen Nadia Centoni und Cursty Jackson angetreten ist, zwei Sätze gewannen», sagt der 29 Jahre alte Silvan Zindel, der bei NUC seit zweieinhalb Jahren als Profitrainer tätig ist.

NUC stand schon einmal in einem Viertelfinal. 2011 verloren die Neuenburgerinnen im CEV-Cup gegen den russischen Vertreter Dinamo Krasnodar (0:3, 0:3).

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