Zwei Australier verblüffen Volleyball-Schweiz

Top in Luzern statt Down Under

17.12.2016

Das Männerteam von Volley Top Luzern vertraut auf Frauenpower: Lauren Bertolacci trainiert als einzige Frau eine NLA-Mannschaft. Sie kommt ebenso aus Australien wie ihr Wunschtransfer Gerrard Lipscombe. Indoor Sports traf die beiden Aussies zum Interview – mit Koala und Bumerang im Gepäck.

Heimatgefühle: Die Australier Lauren Bertolacci und Gerrard Lipscombe posieren mit zwei landestypischen Mitbringsel.

«Jöö, bist du aber herzig!», sagt Lauren Bertolacci entzückt und knuddelt den Koala. Die Australierin ist vernarrt in das Plüschtier. «Die echten Tiere können ganz schön kratzen; ja, sie tun einem manchmal richtig weh.» Gerrard Lipscombe, auch er ein Aussie, meint lässig: «Koalas haben kein schlechtes Leben – sie schlafen 17 Stunden pro Tag.» Als die 31 Jahre alte Trainerin von Volley Top Luzern das zweite Accessoire für den Fototermin in den Händen hält, sagt sie nur: «Der Bumerang erinnert mich an den Ayers Rock.» Lipscombe jedoch denkt nicht an den bekanntesten Berg Australiens, als er das Wurfgerät begutachtet, nein, der 23 Jahre alte Aussenangreifer des NLA-Vierten frischt Kindheitserinnerungen auf: «Als ich zum ersten Mal einen Bumerang warf, ist er in einem Baum gelandet.» Schallendes Gelächter bricht aus. Die beiden Aussies amüsieren sich köstlich beim Gespräch mit Indoor Sports im World Café im KKL.

Reifeprozess

Lauren Bertolacci macht in Luzern seit drei Jahren einen erstaunlichen Job. Innerhalb von nur vier Saisons ist es der 93-fachen Nationalzuspielerin gelungen, Volley Top Luzern zu einer schlagkräftigen Truppe zu formen. Als die Fachkraft aus Down Under 2013 das Angebot als Trainerin des Männerteams angenommen hatte, spielten die Innerschweizer noch in der NLB. 2015 folgte der Aufstieg in die höchste Klasse, ein gutes Jahr später mischen die Luzerner die Liga auf. Im laufenden Championat hat die Mannschaft aus der Zentralschweiz Experten und Konkurrenz mit Siegen gegen Playoff-Finalist Lausanne UC (3:2) und Rekordmeister Näfels (3:1) gleichermassen verblüfft. Bertolacci sieht das anders: «Wir konnten schon letzte Saison gegen fast jedes Team mindestens einmal gewinnen – als Aufsteiger notabene. Inzwischen sind die Spieler gereift und haben sich an das höhere Niveau gewöhnt.» Konsequente und harte Arbeit im Training sowie gezielte Verstärkungen seien mitverantwortlich für die guten Leistungen, sagt Bertolacci, deren Kontrakt vorerst bis Ende Saison 2017/2018 läuft.

Keiner will auf die Strafrunde

Bertolacci, die ihre Aktivkarriere vor einem Jahr bei Volley Top Luzern aufgrund von Knieproblemen beenden musste, hat sich schnell Respekt verschafft in der Männer-Abteilung des Vereins. Der Umgangston in der NLA-Mannschaft sei nicht anders als im australischen Frauen-Nationalteam, mit dem sie jeweils im Sommer unterwegs ist, meint Bertolacci. Die Assistentin von Cheftrainerin Shannon Winzer hat simple Verhaltensregeln aufgestellt: «Ich verlange, dass wir uns gegenseitig mit Respekt begegnen und zuhören, wenn jemand etwas zu sagen hat.» Die Sportwissenschaftlerin und ausgebildete Kraft- und Konditionstrainerin fordert ihre Schützlinge in jedem Training auf, an die Grenzen zu gehen. «Ich will, dass die Spieler keinen Ball verloren geben. Ein Team, das nie aufgibt, ist nur schwer zu schlagen. Strengt sich ein Akteur nicht an, muss er eine Strafrunde drehen.» Das komme aber kaum mehr vor, sagt die Übungsleiterin und lacht herzhaft.

Volley Top Luzern verfügt heuer über eine grosse mentale Stärke – zahlreiche enge Partien kippten zugunsten der Leuchtenstädter. Bertolacci kreiert im Training Stresssituationen. Sie will ihre Spieler bewusst unter Druck setzen. Das kann zum Beispiel ein simulierter Spielstand von 22:22 sein, mit dem Anspruch, den Satz noch zu gewinnen. Die langjährige NLA-Spielerin (Düdingen, Luzern) impft den Spielern Selbstvertrauen ein: «Ich versuche ihnen klar zu machen, dass es möglich ist, gegen jeden Gegner zu gewinnen – ungeachtet dessen, was andere sagen.» Sie wisse, dass die Konkurrenz nicht stehen bleibe. Deshalb müsse sich auch Volley Top Luzern stetig verbessern. «Viele Spiele haben wir ja nur knapp gewonnen.»

Angebot über Facebook

Bertolacci ist überzeugt, dass die Spieler sie als Coach und nicht als Frau oder Mann wahrnehmen. Sexistische Sprüche aus den Zuschauerrängen gebe es ab und zu, das sei ihr aber egal. «Lauren hat ähnliche Erwartungen wie ich selbst – sie will, dass wir in jedem Training die Gelegenheit nutzen, besser zu werden», sagt Gerrard Lipscombe. Dass er von einer Frau gecoacht werde, sei für ihn nichts Aussergewöhnliches. «Das war schon zu meinen Jugendzeiten in Australien so», sagt der ehemalige Junioren-Nationalspieler, der zuletzt vier Jahre lang in der US-College-Liga (NCAA) bei Grand Canyon University gespielt hatte und dort in der vergangenen Saison Topskorer wurde. Bertolacci ist wie Lipscombe in Melbourne aufgewachsen. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. Luzerns Teamchefin hat ihren Wunschtransfer im vergangenen Januar über Facebook angeschrieben. «Es war immer mein Traum, einen Profivertrag zu unterschreiben», sagt Lipscombe, der ein Bachelorstudium in Psychologie abgeschlossen hat und bei Volley Top Luzern einziger Ausländer ist.

Champions League reizt

Lauren Bertolacci will sich dauerhaft in der Volleyball-Hochburg Europa etablieren. Die Champions League würde sie schon sehr reizen. «In Australien ist Volleyball kein Profisport. Ich könnte nicht hauptberuflich als Trainerin tätig sein», sagt Bertolacci, deren Grosseltern in den 1950er Jahren von Italien nach Australien auswanderten. Was die australisch-italienische Doppelbürgerin aus ihrer Heimat am meisten vermisst: «Das warme Wetter. In der Schweiz werde ich mich nie an die Kälte gewöhnen.» Weihnachten verbringt Bertolacci im Kreise australischer Freunde in Luzern. Ihre Freundin und ehemalige Teamkollegin Jasmin Bieri hat acht Jahre in Down Under gelebt. Sie kennt mittlerweile einige Australier, die in der Schweiz leben. Bieri wird an Weihnachten mit einem Fest also dafür sorgen, dass sich Bertolacci wie zu Hause in Melbourne fühlt – trotz 16381 Kilometern Luftlinie Distanz. Bertolacci offenbart ihren Weihnachtswunsch: «Viele Punkte – und eine Platzierung in den Top-3.»

Gerrard Lipscombe wird über die Festtage nach Prag verreisen – in die Heimat seiner Mutter. Sie ist gebürtige Tschechin. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen verliess sie das Land und siedelte zu ihrem Bruder nach Australien über. Dort lernte sie Lipscombes Vater kennen. «Ich werde die volleyballlose Zeit in Prag geniessen und meinen Kopf durchlüften», sagt der Doppelbürger. Am 27. Dezember kehrt Lipscombe zurück – wie ein Bumerang, wenn man ihn richtig wirft.

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