Basketball: EM-Qualifikation der Frauen

Cinzia Tomezzoli – die Unzerstörbare

18.02.2016

Cinzia Tomezzoli verlor bei einem Unfall drei Zehen. Mit eisernem Willen hat sich die Basketballerin zurückgekämpft. In diesen Tagen debütiert die 27 Jahre alte Zürcherin im Schweizer A-Nationalteam.

Alles unter Kontrolle: Cinzia Tomezzoli (links) lässt ihre Gegenspielerin stehen. (Bild: Stefan Kleiser)

Cinzia Tomezzoli erinnert sich genau an den 17. Juli 2009. Es war der Tag, der ihr Leben veränderte.

Es ist Mittag. Auf dem Weg ins Fitnessstudio muss die 21 Jahre alte Zürcherin unter der Hardbrücke eine Strasse überqueren. Tomezzoli läuft auf dem Fussgängerstreifen, als das Unfassbare passiert. «Ich bin von einem Lieferwagen angefahren worden. Mein linker Fuss geriet dabei unter das Rad. Er wurde komplett zerfetzt», erzählt die heute 27 Jahre alte Basketballerin mit ruhiger Stimme. Im Spital versuchen die Ärzte während sieben Stunden vergeblich, die verletzten Zehen der U-20-Nationalspielerin zu retten. Die Grosszehe sowie der zweite und dritte Zeh müssen amputiert werden. Einen Monat liegt Tomezzoli im Krankenhaus. Dann kommt die niederschmetternde Diagnose: «Ein Arzt hat mir geraten, mit Schach anzufangen. Basketball und Laufsport könne ich vergessen», sagt Tomezzoli.

Mit eisernem Willen

Als die Patientin wieder zu Hause ist, beginnt die Rehabilitation. Barfusslaufen bereitet Cinzia Tomezzoli am Anfang grösste Schwierigkeiten, sie kann jeweils nur mit der Ferse aufsetzen. In der Rehaklinik lässt sie sich eine Orthese anfertigen. Mit dieser Beinschiene, die aussieht wie ein Schienbeinschoner, muss sie erst ein neues Gleichgewichtsgefühl entwickeln. «Mein Stumpf wird von einer Platte stabilisiert, welche die Zehenfunktion beim Abrollvorgang und beim Sprung übernimmt», erklärt Tomezzoli. Mit eisernem Willen, der moralischen Unterstützung ihrer Familie und viel Therapie kämpft sich Tomezzoli zurück. Das königliche Spiel indes erlernt sie nicht. «Ich habe einen sturen Kopf. Wenn mir jemand sagt, ich könne etwas nicht, beweise ich ihm gerne das Gegenteil.»

Ein Jahr nach dem Unfall fragt Cinzia Tomezzoli den Frauenfelder Basketballklub an, ob sie im NLB-Team mittrainieren dürfe. «Anfänglich war ich nach zehn Minuten jeweils total erschöpft. Doch jede Woche konnte ich drei Minuten länger trainieren», sagt die 1,74 Meter grosse Flügelspielerin.

Gesundheitlich macht sie rasante Fortschritte.

Zwei Jahre nach dem Unfall, 2011, wirft sie Körbe für den Zweitligisten BC Winterthur. Jahr für Jahr steigt Tomezzoli eine Klasse höher, nach einem Zwischenjahr in der NLB folgt im vergangenen Jahr der Aufstieg in die Beletage des Schweizer Frauen-Basketballs. «Cinzia ist eine Inspirationsquelle. Sie will sich ständig verbessern. Nie würde sie sich wegen ihres Handicaps beklagen», sagt ihr Trainer Daniel Rasljic. Der 41 Jahre alte Übungsleiter des NLA-Aufsteigers erklärt, weshalb Tomezzoli Captain des Teams ist: «Sie hatte stets die klare Vision des Winterthurer Frauenteams in der obersten Spielklasse. Cinzia ist aufgrund ihrer Führungsqualitäten anerkannt. Sie ist ein Alphatier und verfügt über einen enormen Kampfgeist.»

Und sie besitzt eine grosse Leidensfähigkeit.

Wenn sie Basketball spielt, muss sie hinterher am linken Fuss fast immer Schürfwunden behandeln. «Ich desinfiziere die Wunde, creme den Fuss ein und klebe ein Pflaster drauf. Dann kann ich nur noch hoffen, dass sich der Fuss nicht entzündet», erzählt Tomezzoli. Die Beinschiene trägt sie nur, wenn sie Sport treibt. «Im Alltagsleben bin ich beschwerdefrei. Nur Stöckelschuhe kann ich keine tragen.»

E-Mail rührt zu Tränen

Kurz vor Weihnachten 2015 berichtet das Schweizer Fernsehen im «Sportpanorama» einfühlsam über den Schicksalsschlag von Cinzia Tomezzoli und das wunderbare Comeback. Daraufhin habe sie viele positive Reaktionen erhalten, sagt Tomezzoli. Das Verhalten eines Arbeitskollegen berührt sie besonders: «Ich habe niemandem im Betrieb von der TV-Sendung erzählt. Am nächsten Tag kam ein leitender Angestellter in mein Büro und drückte mir gegenüber seine Wertschätzung aus. Das war sehr emotional.» Tomezzoli arbeitet als Sachbearbeiterin bei der Firma MAN Diesel & Turbo in Zürich.

Nur den Korb im Kopf: Cinzia Tomezzoli nimmt Mass. (Bild: Stefan Kleiser)

Im vergangenen August traut Tomezzoli ihren Augen nicht, als sie ihre E-Mails checkt. Im Postfach liegt das Aufgebot für zwei EM-Qualifikationsspiele der Schweizer A-Nationalmannschaft. Die Landesauswahl nimmt an der Ausscheidung für die Basketball-Europameisterschaft 2017 in Tschechien teil. Die favorisierten Gegner: Russland, Griechenland und Bulgarien. «Ich war sprachlos. Natürlich verstand ich den in Englisch verfassten Text. Doch ich schickte das E-Mail an zahlreiche Freunde weiter, um eine Bestätigung zu erhalten, dass ich den Text begriffen habe. Leider erhielt ich stundenlang kein Feedback», schildert die Neo-Nationalspielerin ihren Moment zwischen Euphorie und Zweifel.

Endlich kommt die Bestätigung. «Ich setzte mich hin und begann zu weinen. Es ist schon ein Wunder, dass ich wieder Basketball spielen kann. Aber ein Aufgebot für das A-Nationalteam zu erhalten, sprengte meine Vorstellungskraft», sagt Cinzia Tomezzoli. Sportlich habe sich ihr Traum erfüllt. Und privat? «Noch nicht», sagt die sympathische Ballkünstlerin. «Mein Lebenstraum ist es, eine Familie zu gründen.»

Schlauheit kompensiert Grösse

Wegen einer Knochenprellung und einer Bänderzerrung am linken Fuss verzögert sich Tomezzolis Debüt im A-Nationalteam – vor zwei Monaten muss sie für die EM-Qualifikationsspiele gegen Griechenland (46:83) und Russland (48:86) Forfait erklären. Nun steht sie wieder im Aufgebot von Nationaltrainer Milenko Tomic. Die Schweiz spielt am Samstag in Bulgarien, am kommenden Mittwoch in Freiburg (20 Uhr, St-Léonard) gegen Griechenland. «Es würde mich nicht erstaunen, wenn Cinzia in dieser EM-Kampagne eine wesentliche Rolle spielte. Sie hat sehr viel Potenzial», sagt Rasljic. «Wir müssen die fehlende Grösse mit Schlauheit kompensieren», meint Tomezzoli vor den Vergleichen gegen die grossgewachsenen Bulgarinnen und Griechinnen. Um anzufügen: «Wir haben einen guten Coach. Er wird uns zeigen, wie wir smart spielen können.» Sie wolle sich gegen die favorisierten Gegner an das höhere Niveau herantasten, meint die Zürcherin. «Ich will Fehlpässe provozieren. Und wenn ich den Ball habe, möchte ich meine Teamkolleginnen in Szene setzen.»

Egal, wie die Resultate gegen Bulgarien und Griechenland ausfallen werden – das Comeback im Basketball ist ohne Frage der grösste Sieg in der Karriere von Cinzia Tomezzoli.

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